• Lexa Schulz

Hochsensibilität als Erklärung oder Ausrede?

Hochsensibilität ist ein Persönlichkeitsmerkmal, das auf bis zu 20% der Bevölkerung zutrifft. Hochsensible Menschen nehmen Eindrücke und Empfindungen intensiver wahr, dazu können Geräusche, Gerüche, Farben, oder auch Stimmungen von anderen Menschen gehören.


Hochsensibilität ist keine „psychische Störung“ oder „Erkrankung“, sondern eine psychologische und neurophysiologische Ausprägung. Es gibt unterschiedliche Theorien zur Erklärung der Hochsensibilität, mittlerweile gelten erbliche und entwicklungspsychologische Faktoren als wahrscheinlich für diese neuronalen Merkmale. Allen voran in der Forschung ist die amerikanische Psychologin Elaine Aron.


Hochsensibilität hat in den letzten Jahren eine immer größere Bedeutung bekommen und immer mehr Menschen werden sich darüber bewusst, was dies für ihr Leben bedeutet. Gleichzeitig kommen Hochsensible in ihrem beruflichen und privaten Alltag immer wieder mit Herausforderungen in Berührung, die sie an ihre Grenzen bringen.

Bevor Hochsensible erfahren, dass sie hochsensibel sind, denken viele, dass mit ihnen was nicht stimmt, dass sie anders sind oder, dass sie falsch sind. Das führt dazu, dass sich viele Hochsensible in ihrem Alltag verstellen und ihr Inneres verstecken, um bloß nicht aufzufallen oder - im allerschlimmsten Fall - als Sensibelchen abgestempelt zu werden.


Doch wozu führt das? Sich jeden Tag zu verstellen ist anstrengend, stressig und macht auf die Dauer wirklich unglücklich.


Ich habe vor 8 Jahren zum ersten Mal den Begriff „Hochsensibilität“ gehört. Für mich war es ein Aha-Moment, denn vorher habe ich wirklich oft an mir gezweifelt, dachte mit mir stimmt etwas nicht, ich war schnell erschöpft, habe mich oft zurückgezogen und mich immer mehr von meinen Mitmenschen abgewandt. Ich wusste nicht, was mit mir los war, wie ich damit umgehen kann und auch mein Umfeld hat damals wenig Verständnis gezeigt.


In den letzten Jahren bin ich allerdings auch in eine kleine Falle getappt: Als ich angefangen habe mich mit Hochsensibilität zu beschäftigen, hatte ich gefühlt erstmal die Erklärung für alles was in mir vorging. Bis ich gemerkt habe, dass ich angefangen habe, genau das als Ausrede für fast alles zu benutzen. Wenn ich keine Lust hatte etwas zu unternehmen, habe ich meine Hochsensibilität vorgeschoben. Wenn mir Menschen nicht sympathisch waren und ich keine Zeit mit ihnen verbringen wollte, gab es auch hier Wege die Hochsensibilität als Ausrede zu nutzen. Haben sich die Termine gehäuft und ich habe vor lauter Stress Sachen durcheinandergebracht, war auch die Hochsensibilität meine Erklärung. Das schöne war, dass meine Mitmenschen jetzt immer Verständnis dafür hatten. Obwohl sie vielleicht mit dem Begriff nicht viel anfangen konnten, gab es jetzt ein „Label“ für mich und das wurde, oft ohne zu hinterfragen, anerkannt.


Um nicht missverstanden zu werden: Ich bin überzeugt, dass es Hochsensibilität gibt und ich weiß, dass viele Hochsensible darunter leiden und sie dadurch in ihrem Alltag beeinträchtigt sind. Ich glaube, dass wir uns erlauben dürfen, für uns rauszufinden was gut funktioniert, was nicht so gut funktioniert und wie wir gesunde Grenzen setzen, die uns einerseits schützen, uns aber andererseits nicht abschotten (außer natürlich du möchtest das ;-))


Ich denke, dass wir Hochsensiblen uns viele Chancen auf persönliches Wachstum kaputt machen, wenn wir anfangen jeder Herausforderung auszuweichen und als Erklärung unsere Hochsensibilität nutzen (vielleicht auch missbrauchen…). Zwar sind wir als Hochsensible oftmals sehr mitfühlend und empathisch und dürfen das auch unbedingt uns selber gegenüber sein (das kommt nämlich oft zu kurz), gleichzeitig dürfen wir uns aber auch mal kritisch hinterfragen.


Was bringt es dir, wenn du Einladungen, Verabredungen (oder ähnliches) absagst, und als Grund deine Hochsensibilität anführst? Überfordert es dich wirklich, oder steckt dahinter auch noch die Angst davor abgelehnt zu werden? Das Gefühl nicht dazuzugehören? Ist es mittlerweile Gewohnheit? Vielleicht bei dir auch etwas anderes?


Was ich für mich gelernt habe ist, dass es im ersten Moment gut für mich funktioniert eine Erklärung zu haben. Im zweiten Schritt behält sie mich aber immer in meiner Komfortzone und die Gefühle, Gedanken und Ängste sind nach wie vor da. Mir hat geholfen einfach mal die Perspektive zu verändern: Vogelperspektive oder die Sicht deiner besten Freundin / deines besten Freundes. Vielleicht hast du einen Lieblingsschauspieler / Kommentator und stellst dir vor, wie er die Situation aus dieser Perspektive kommentiert. Tu das bitte mit einem kleinen Schmunzeln und nimm dich dabei nicht zu ernst. Ich war irgendwann an einem Punkt, dass ich kopfschüttelnd und herzlich über mich lachen konnte, wie toll ich mich doch hier gerade wieder selber verarsche… ;-)


Es erfordert Mut, sich mit dem Gefühl und der Angst dahinter auseinanderzusetzen und so ehrlich zu sich zu sein. Danach schenkt es dir ein Gefühl von Leichtigkeit und du lernst dich selber nochmal besser kennen. Es kann sogar Spaß machen herauszufinden, was wirklich hochsensible Anteile in dir sind und welche Anteile das gerade nur ausnutzen, um von etwas anderem abzulenken.


Und als kleiner Mutmacher zum Ende: Viele nehmen Gefühle intensiver wahr und weil es so häufig für Hochsensible beschrieben wurde, denken wir oft direkt an Traurigkeit, Wut oder Überforderung.

ABER: Das Gefühlsspektrum ist riesig und neben Wut und Traurigkeit stehen Freude, Liebe und Verbundenheit. Und auch diese Gefühle können wir intensiver wahrnehmen.


Alles Liebe,

Lexa


#hochsensibilität #hsp #coaching #lifecoaching #dortmund